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Willan, Ursula Drucken

Ursula Willan
Ursula Willan
geb. 1954 in Krakau. Promovierte Philosophin. Studierte neben Philosophie auch Soziologie und Psychologie. Zusatzausbildung als Psychosozialberaterin und Personaltrainerin. Arbeitete als Hochschullehrerin in Polen und in der Ukraine. Seit 1988 in Deutschland. Lebte in Glücksburg, Flensburg, Königswinter und seit 1994 in Ratingen. Tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Bonn), Dolmetscherin (Düsseldorf), Dozentin für Deutsch als Fremdsprache (Düsseldorf, Viersen, Mönchengladbach) und Karriereberaterin (Köln). Autorin wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen in polnischen, russischen und deutschen Zeitschriften zum Thema Unrecht, Sozialpolitik, Berufsstrategie, Werttheorie. Mitglied im Literaturkreis ERA e.V.

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Texte:

  • Ent-täuschung

    Seitdem man weiß, dass die Enttäuschung immer eine Ent-täuschung ist, d.h. seitdem klar ist, dass nur ziemlich naive und leicht zu täuschende Personen Enttäuschungen erleben können, geht es dem Hubert schlecht.

    Er liebte seine früheren Enttäuschungen. Sie gaben ihm das Gefühl, besser als der Rest der Welt zu sein. Hubert, der Sensible und die böse Welt um ihn. Hubert, der Anspruchsvolle, der über der Welt stand. Hubert, der Distanzierte, der die Welt mit tiefem Kennerblick beobachtete.

    Aber jetzt ist es wieder so weit. Hubert, der Kluge, der sich nicht täuschen lässt, ist enttäuscht. Es hat etwas mit der Geschwindigkeit der Ereignisse zu tun. Es ist langsam um ihn geworden. Die Welt scheint stehengeblieben zu sein. Wie kann man sich von einer stehengebliebenen Welt distanzieren? Hubert hat das Gefühl, dass es genau so aussichtslos ist wie ein Versuch, sich vom eigenen Schreibtisch, Schrank oder Teppich zu distanzieren. Er versucht es trotzdem:

    „Lieber Teppich – sagt er - ich distanziere mich von dir. Du musst jetzt selbst schauen, wie du zurecht kommst. Ich werde nie mehr in deine flache Existenz eintauchen. Ich ignoriere dich. Du wirst auf meine Aufmerksamkeit verzichten müssen“.

    Und dann beginnt der Teppich, zumindest in Huberts Vorstellung, zu weinen. Er tut es in einer Art Selbstreinigung, bittet ihn um Verzeihung und verspricht ihm, tiefgründiger zu werden.

    Es ist überhaupt nicht komisch. Es geht doch um Huberts Enttäuschung. Genauer gesagt, geht es um zwei Personen und ihn. Sie treffen sich regelmäßig, um etwas Neues auf die Beine zu stellen. Sie geben sich Mühe. Sie kommen immer pünktlich. Sie diskutieren leidenschaftlich über gemeinsame Vorschläge, aber Hubert ist damit nicht zufrieden. Es geht ihm zu langsam, es geschieht ihm zu vorsichtig. Er fühlt sich wie in einem dunklen Keller, wo man nach einer Tür tastet. Langsam, mit zitternder Hand, ständig bereit zur Rückkehr, zur Flucht, statt die Tür einfach aufzureißen, egal was kommt. Hauptsache raus aus diesem muffigen Raum. Raus aus dieser falsch verstandenen Sicherheit. Schnell. Sofort. Bitte.

    Die Beiden aber bleiben vorsichtig. Sie warten auf Hubert. Und Hubert wartet auf sie. Sie sind bereit mitzugehen, wenn Hubert die Tür öffnet. Aber Hubert ist auch zögerlich. Und weil er im Grunde nicht entschlossener ist als sie, will er die beiden um sich haben. Sie sollten das Unangenehme, das Angstweckende übernehmen. Sie sollten ihm helfen. Sie aber weigern sich, warten ab, tun so, als ob die Aufgabe, die Tür zu öffnen eine Mutprobe sei, die das Schicksal persönlich ihm, dem Hubert, stellte. Und das Schicksal lässt sich nicht überlisten. Dem Hubert jedenfalls kann keiner helfen. Und deswegen ist er enttäuscht.

    Die Enttäuschung ist mit der Erwartung von Wundern eng verwandt. Durch neue Konstellationen, wie neue Liebe, neues Haus oder eine neue Arbeit soll sich alles ändern. Die früher beklagte Lichtlosigkeit soll verschwinden und das Neue, Helle, Herrliche soll kommen. Die Wunder passieren aber selten, besonders in Huberts Leben. Bei ihm werden allenfalls alte Enttäuschungen durch neue ersetzt.

    Rein theoretisch kann Hubert mit dieser Situation gut umgehen. Hubert als gebildeter Mann weiß, dass der Anspruch, das Leben als Ganzes zu betrachten, unsere Gehirne überfordert. Es ist leichter, die Gesamtheit in Scheibchen zu schneiden – in nacheinander folgende Lebensphasen. Und egal wie sie ausfallen, sollte man sie genießen, weil sie einmalig und eng mit uns verbunden sind.

    Aber praktisch ist Hubert von dem ihm zugeteilten Scheibchen Leben enttäuscht. Es ist so langweilig wie sein Teppich. Das macht ihn traurig. Wenn mein Leben langweilig ist –denkt Hubert - muss ich selbst langweilig sein, oder? Gibt es interessante Menschen, die ein langweiliges Leben führen? Na ja, vielleicht war Kant solch ein Mensch, er aber hat die Philosophie revolutioniert. Und was habe ich erreicht? Ich spreche mit meinem Teppich.

    Nein, Hubert ist nicht gestört. Er ist einfach müde. Seine Vergangenheit macht ihn müde. Seine Gegenwart macht ihn müde. Aber wirklich ernste Sorgen bereitet ihm seine Zukunft. Die Zukunft. Sie sitzt vor ihm auf seinem Schreibtisch wie ein kleiner Buddha, goldfarbig, in sich ruhend, mit geschlossenen Augen. Sie verspricht nichts, sie verbietet nichts. In ihr gibt es alles. Man muss nur die richtige Tür öffnen. Aber Hubert sitzt und wartet auf ein Wunder. Vielleicht kommt die Zukunft von alleine zu ihm. Durch die geschlossene Tür. Die Zukunft ist doch zu allem fähig: Sie kommt, nimmt ihn mit und versetzt ihn in ein anderes Leben. Danach wird Hubert blendend zu recht kommen. Davon ist er überzeugt. Nur diese verdammte Tür kann er nicht öffnen.

 
Literaturkreis ERA e.V. 2007-2009