Ent-täuschung
Seitdem man weiß, dass die Enttäuschung immer eine
Ent-täuschung ist, d.h. seitdem klar ist, dass nur ziemlich naive und
leicht zu täuschende Personen Enttäuschungen erleben können, geht es
dem Hubert schlecht.
Er liebte seine früheren
Enttäuschungen. Sie gaben ihm das Gefühl, besser als der Rest der Welt
zu sein. Hubert, der Sensible und die böse Welt um ihn. Hubert, der
Anspruchsvolle, der über der Welt stand. Hubert, der Distanzierte, der
die Welt mit tiefem Kennerblick beobachtete.
Aber jetzt
ist es wieder so weit. Hubert, der Kluge, der sich nicht täuschen
lässt, ist enttäuscht. Es hat etwas mit der Geschwindigkeit der
Ereignisse zu tun. Es ist langsam um ihn geworden. Die Welt scheint
stehengeblieben zu sein. Wie kann man sich von einer stehengebliebenen
Welt distanzieren? Hubert hat das Gefühl, dass es genau so aussichtslos
ist wie ein Versuch, sich vom eigenen Schreibtisch, Schrank oder
Teppich zu distanzieren. Er versucht es trotzdem:
„Lieber
Teppich – sagt er - ich distanziere mich von dir. Du musst jetzt selbst
schauen, wie du zurecht kommst. Ich werde nie mehr in deine flache
Existenz eintauchen. Ich ignoriere dich. Du wirst auf meine
Aufmerksamkeit verzichten müssen“.
Und dann beginnt der
Teppich, zumindest in Huberts Vorstellung, zu weinen. Er tut es in
einer Art Selbstreinigung, bittet ihn um Verzeihung und verspricht ihm,
tiefgründiger zu werden.
Es ist überhaupt nicht
komisch. Es geht doch um Huberts Enttäuschung. Genauer gesagt, geht es
um zwei Personen und ihn. Sie treffen sich regelmäßig, um etwas Neues
auf die Beine zu stellen. Sie geben sich Mühe. Sie kommen immer
pünktlich. Sie diskutieren leidenschaftlich über gemeinsame Vorschläge,
aber Hubert ist damit nicht zufrieden. Es geht ihm zu langsam, es
geschieht ihm zu vorsichtig. Er fühlt sich wie in einem dunklen Keller,
wo man nach einer Tür tastet. Langsam, mit zitternder Hand, ständig
bereit zur Rückkehr, zur Flucht, statt die Tür einfach aufzureißen,
egal was kommt. Hauptsache raus aus diesem muffigen Raum. Raus aus
dieser falsch verstandenen Sicherheit. Schnell. Sofort. Bitte.
Die
Beiden aber bleiben vorsichtig. Sie warten auf Hubert. Und Hubert
wartet auf sie. Sie sind bereit mitzugehen, wenn Hubert die Tür öffnet.
Aber Hubert ist auch zögerlich. Und weil er im Grunde nicht
entschlossener ist als sie, will er die beiden um sich haben. Sie
sollten das Unangenehme, das Angstweckende übernehmen. Sie sollten ihm
helfen. Sie aber weigern sich, warten ab, tun so, als ob die Aufgabe,
die Tür zu öffnen eine Mutprobe sei, die das Schicksal persönlich ihm,
dem Hubert, stellte. Und das Schicksal lässt sich nicht überlisten. Dem
Hubert jedenfalls kann keiner helfen. Und deswegen ist er enttäuscht.
Die
Enttäuschung ist mit der Erwartung von Wundern eng verwandt. Durch neue
Konstellationen, wie neue Liebe, neues Haus oder eine neue Arbeit soll
sich alles ändern. Die früher beklagte Lichtlosigkeit soll verschwinden
und das Neue, Helle, Herrliche soll kommen. Die Wunder passieren aber
selten, besonders in Huberts Leben. Bei ihm werden allenfalls alte
Enttäuschungen durch neue ersetzt.
Rein theoretisch
kann Hubert mit dieser Situation gut umgehen. Hubert als gebildeter
Mann weiß, dass der Anspruch, das Leben als Ganzes zu betrachten,
unsere Gehirne überfordert. Es ist leichter, die Gesamtheit in
Scheibchen zu schneiden – in nacheinander folgende Lebensphasen. Und
egal wie sie ausfallen, sollte man sie genießen, weil sie einmalig und
eng mit uns verbunden sind.
Aber praktisch ist Hubert
von dem ihm zugeteilten Scheibchen Leben enttäuscht. Es ist so
langweilig wie sein Teppich. Das macht ihn traurig. Wenn mein Leben
langweilig ist –denkt Hubert - muss ich selbst langweilig sein, oder?
Gibt es interessante Menschen, die ein langweiliges Leben führen? Na
ja, vielleicht war Kant solch ein Mensch, er aber hat die Philosophie
revolutioniert. Und was habe ich erreicht? Ich spreche mit meinem
Teppich.
Nein, Hubert ist nicht gestört. Er ist
einfach müde. Seine Vergangenheit macht ihn müde. Seine Gegenwart macht
ihn müde. Aber wirklich ernste Sorgen bereitet ihm seine Zukunft. Die
Zukunft. Sie sitzt vor ihm auf seinem Schreibtisch wie ein kleiner
Buddha, goldfarbig, in sich ruhend, mit geschlossenen Augen. Sie
verspricht nichts, sie verbietet nichts. In ihr gibt es alles. Man muss
nur die richtige Tür öffnen. Aber Hubert sitzt und wartet auf ein
Wunder. Vielleicht kommt die Zukunft von alleine zu ihm. Durch die
geschlossene Tür. Die Zukunft ist doch zu allem fähig: Sie kommt, nimmt
ihn mit und versetzt ihn in ein anderes Leben. Danach wird Hubert
blendend zu recht kommen. Davon ist er überzeugt. Nur diese verdammte
Tür kann er nicht öffnen.