Galerie

Kk
Kk
Weckmann weg
Weckmann weg
Besucher
Besucher
Zuhörer
Zuhörer

Wer ist online?

Aktuell 23 Gäste online

Besucherzähler

Die Webseite des ERA e.V. hatte bisher 1488010 Besucher.
eragrossfass.gif
Märchenstunde Drucken

„Wir sind spät!“
Mamas Absätze klackern aus der Küche. Maxi stürzt die warme Milch hinunter, haut den Bob-der-Baumeister-Becher neben Mamas leere Teetasse, springt vom Stuhl und saust ins Kinderzimmer. Schnapp – er greift die Noten, klack – er schlägt den Deckel des Geigenkastens zu. Voll bepackt flitzt er durch den Flur. Den letzten Meter zum Schuhschrank schlittert er auf blankem Parkett. Rums, unsanfte Landung auf dem Po. Stiefel an, zack, zack. Mama steht bereits im Mantel an der Wohnungstür, rasselt mit dem Schlüssel und lächelt schmal. Maxi ist verdammt schnell für seine fünf Jahre, aber sie holt er nie ein.

Die Treppe hinunter trappeln sie im selben Takt. Tür auf, kalte Luft schlägt ihnen entgegen. Maxi schrickt zurück.

„Schnell Schatz, sonst schimpft Frau Kryczinski.“

Auf ihren hohen Absätzen macht Mama riesige Schritte. Sie schlängeln sich an den parkenden Autos vorbei, überqueren die Strasse – hui, das war knapp. Ein Wagen hupt. Auf dem Bürgersteig hasten sie in Richtung Altstadt. Die Straßen füllen sich mit Menschen. Am Marktplatz, gleich neben Maxis Malschule, steht ein riesiger Weihnachtsbaum. So viele Menschen, und all die Blinkelichter. Maxi fällt zurück. Mama nimmt den Geigenkasten, und Maxi trabt mit den Noten vor der Brust hinter ihr her. Beim Laufen stößt er Atemwölkchen aus, wie eine brave kleine Lok. Schu schu schu, Platz da, wir kommen!

 

Da vorne, gleich neben Karstadt kommt die letzte Ampel. Mama ist schon an der Bordsteinkante. Ein dunkler Mantelschoß schlägt Maxi ins Gesicht. Er stolpert. Der Mozart rutscht ihm aus dem Arm und fällt zu Boden.

„Maxi, komm! Die Ampel wird gleich grün.“

Maxi kniet nieder und versucht zwischen den vorüber eilenden Halbschuhen und Stiefeln hindurch seine Noten zu greifen. Ein Wald von Beinen ist das, mit gefährlich scharfen Absätzen. Nur Mut. Er bekommt den Mozart zu fassen. Grad will er aufstehen, da sieht er ihn.

Ein Mann hat sich eben auf den Sims des großen Karstadt Schaufensters gehockt, einfach so, gleich an der Ecke mit der Trinkhalle. Komisch sieht der aus. Trotz der Kälte trägt er nur eine Weste und einen groben Pulli mit Löchern drin. Er sitzt vor dem Riesen-Plüschlöwen und der Lego-Raumstation, doch er sieht gar nicht hin. Er sieht nur den Plastikbecher in seiner Hand, aus dem sich weicher, weißer Dampf empor ringelt. Vorsichtig schwenkt er den Becher hin und her, legt die andere Hand ebenfalls darum und schaut tief hinein. Sein Mund wird breit und immer breiter, bis die Mundwinkel fast die Ohrläppchen erreichen. Maxi staunt. Am rechten Ohr trägt er einen kleinen Ring und mit dem schwarzen Bärtchen sieht er ein wenig so aus wie Dschinni in Maxis Aladdin-Buch. Er lächelt in seinen Becher, so als läge dort auf dem Boden ein Goldschatz. Mama ruft. Der komische Mann hält die blaue Nase in den Dampf und schließt die Augen. Als er sie wieder öffnet, fällt sein Blick auf Maxi im Beinewald. Einen stillen Augenblick lang schauen sich die beiden an. Dann grinst der Dschinn. Die Zähne in seinem breiten Mund leuchten schneeweiß.

„Schatz, wir haben wirklich keine Zeit für Trödeleien!“

Mama ist über ihm, doch Maxi duckt sich unter ihrer Hand weg. Einige schnelle Sprünge – und schon ist er bei dem Dschinn. 

„Darf ich mal sehen?“ fragt er.

„Na klar.“

Maxi blickt in eine braune Brühe mit weißen Schlieren darin.

„Och, das ist ja nur Kaffee.“

Der Dschinn lächelt verschmitzt.

„Aber nein. Das ist savoir vivre.“

„Sawowie?“

„Genau.“

Maxi überlegt. Das fühlt sich an wie – ja wie ein Zauberwort. Da hat Mama ihn auch schon eingeholt. Den Dschinn sieht sie gar nicht. Schimpfend zerrt sie Maxi zur Ampel, die immer noch das grüne Männchen zeigt.

„Sawowie“, grübelt Maxi leise, und die Ampel springt auf rot. Mama flucht, dass Maxi erstaunt aufblickt. Sie reckt den Hals, ob sie nicht zwischen den anfahrenden Autos eine Lücke zum Hinüberhuschen finden kann. Spurtbereit geht sie auf die Zehenspitzen.

„Sawowie“, flüstert Maxi, und ein silberner Mercedes saust vorbei, so dicht am Bordstein, dass Mama erschrocken einen Schritt zurück macht.

„So eilig haben wir es dann doch nicht“, grummelt sie.

Einträchtig warten sie an der Ampel. Maxi grinst. Von rechts zieht der Duft gebrannter Mandeln herüber. Sawowie.

 

© Stefanie Philipp, 2008


 
Literaturkreis ERA e.V. 2007-2009