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„Wir sind spät!“
Mamas Absätze klackern aus der
Küche. Maxi stürzt die warme Milch hinunter, haut den Bob-der-Baumeister-Becher
neben Mamas leere Teetasse, springt vom Stuhl und saust ins Kinderzimmer. Schnapp
– er greift die Noten, klack – er schlägt den Deckel des Geigenkastens zu. Voll
bepackt flitzt er durch den Flur. Den letzten Meter zum Schuhschrank schlittert
er auf blankem Parkett. Rums, unsanfte Landung auf dem Po. Stiefel an, zack,
zack. Mama steht bereits im Mantel an der Wohnungstür, rasselt mit dem
Schlüssel und lächelt schmal. Maxi ist verdammt schnell für seine fünf Jahre,
aber sie holt er nie ein.
Die Treppe hinunter trappeln sie
im selben Takt. Tür auf, kalte Luft schlägt ihnen entgegen. Maxi schrickt
zurück.
„Schnell Schatz, sonst schimpft Frau
Kryczinski.“
Auf ihren hohen Absätzen macht
Mama riesige Schritte. Sie schlängeln sich an den parkenden Autos vorbei,
überqueren die Strasse – hui, das war knapp. Ein Wagen hupt. Auf dem
Bürgersteig hasten sie in Richtung Altstadt. Die Straßen füllen sich mit
Menschen. Am Marktplatz, gleich neben Maxis Malschule, steht ein riesiger Weihnachtsbaum.
So viele Menschen, und all die Blinkelichter. Maxi fällt zurück. Mama nimmt den
Geigenkasten, und Maxi trabt mit den Noten vor der Brust hinter ihr her. Beim
Laufen stößt er Atemwölkchen aus, wie eine brave kleine Lok. Schu schu schu,
Platz da, wir kommen!
Da vorne, gleich neben Karstadt kommt
die letzte Ampel. Mama ist schon an der Bordsteinkante. Ein dunkler Mantelschoß
schlägt Maxi ins Gesicht. Er stolpert. Der Mozart rutscht ihm aus dem Arm und fällt
zu Boden.
„Maxi, komm! Die Ampel wird
gleich grün.“
Maxi kniet nieder und versucht
zwischen den vorüber eilenden Halbschuhen und Stiefeln hindurch seine Noten zu
greifen. Ein Wald von Beinen ist das, mit gefährlich scharfen Absätzen. Nur
Mut. Er bekommt den Mozart zu fassen. Grad will er aufstehen, da sieht er ihn.
Ein Mann hat sich eben auf den
Sims des großen Karstadt Schaufensters gehockt, einfach so, gleich an der Ecke
mit der Trinkhalle. Komisch sieht der aus. Trotz der Kälte trägt er nur eine
Weste und einen groben Pulli mit Löchern drin. Er sitzt vor dem Riesen-Plüschlöwen
und der Lego-Raumstation, doch er sieht gar nicht hin. Er sieht nur den
Plastikbecher in seiner Hand, aus dem sich weicher, weißer Dampf empor ringelt.
Vorsichtig schwenkt er den Becher hin und her, legt die andere Hand ebenfalls
darum und schaut tief hinein. Sein Mund wird breit und immer breiter, bis die Mundwinkel
fast die Ohrläppchen erreichen. Maxi staunt. Am rechten Ohr trägt er einen
kleinen Ring und mit dem schwarzen Bärtchen sieht er ein wenig so aus wie
Dschinni in Maxis Aladdin-Buch. Er lächelt in seinen Becher, so als läge dort
auf dem Boden ein Goldschatz. Mama ruft. Der komische Mann hält die blaue Nase
in den Dampf und schließt die Augen. Als er sie wieder öffnet, fällt sein Blick
auf Maxi im Beinewald. Einen stillen Augenblick lang schauen sich die beiden an.
Dann grinst der Dschinn. Die Zähne in seinem breiten Mund leuchten schneeweiß.
„Schatz, wir haben wirklich keine
Zeit für Trödeleien!“
Mama ist über ihm, doch Maxi duckt
sich unter ihrer Hand weg. Einige schnelle Sprünge – und schon ist er bei dem
Dschinn.
„Darf ich mal sehen?“ fragt er.
„Na klar.“
Maxi blickt in eine braune Brühe
mit weißen Schlieren darin.
„Och, das ist ja nur Kaffee.“
Der Dschinn lächelt verschmitzt.
„Aber nein. Das ist savoir vivre.“
„Sawowie?“
„Genau.“
Maxi überlegt. Das fühlt sich an
wie – ja wie ein Zauberwort. Da hat Mama ihn auch schon eingeholt. Den Dschinn sieht
sie gar nicht. Schimpfend zerrt sie Maxi zur Ampel, die immer noch das grüne
Männchen zeigt.
„Sawowie“, grübelt Maxi leise,
und die Ampel springt auf rot. Mama flucht, dass Maxi erstaunt aufblickt. Sie reckt
den Hals, ob sie nicht zwischen den anfahrenden Autos eine Lücke zum Hinüberhuschen
finden kann. Spurtbereit geht sie auf die Zehenspitzen.
„Sawowie“, flüstert Maxi, und ein
silberner Mercedes saust vorbei, so dicht am Bordstein, dass Mama erschrocken
einen Schritt zurück macht.
„So eilig haben wir es dann doch
nicht“, grummelt sie.
Einträchtig warten sie an der
Ampel. Maxi grinst. Von rechts zieht der Duft gebrannter Mandeln herüber.
Sawowie.
© Stefanie Philipp, 2008
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