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Stuhlprobe |
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1.Versuch:
"Diese Chaoten, jetzt stellen sie ihren Sperrmüll schon mitten auf den Marktplatz!"
2.Versuch:
Da steht er nun: etwas abgeschrammt und armselig. Mitten in dieser Stadt, in der es wie immer hektisch zugeht. Da steht er nun, dieser Stuhl, dessen Holz nicht weniger braun ist als das der Parkbank. Steht und ist etwas schmal geraten. Zu dürftig, um Bequemlichkeit zu vermitteln. Wer schon setzt sich auf dieses Quadrat von vierzig mal vierzig, wenn es anderswo breiter zugeht? Dennoch – dieser Stuhl hat etwas, hat etwas, dass ihm auf die Lehne gebrannt, aufs Holz geheftet, einfach so angenagelt ist, ja, er trägt ein Portemonnaie, eine schäbige Geldbörse auf der Schulter. Doch obwohl dies obskur scheint, obwohl es Stühle dieser Art nirgendwo sonst gibt, passiert gar nichts. Noch nicht. Erst gegen Mittag, erst gegen zwölf, als sich die Sonne prall macht, kommt jemand. Äugt, schüttelt den Kopf, fasst ihn schließlich an, den Stuhl. Ein Portemonnaie! flüstert er verdutzt, ein richtiges Portemonnaie!
3.Versuch:
Wer glaubt, ständig im falschen Film zu sein, hat hier kaum Mühe. Er sieht das Portemonnaie an diesem Stuhl, ein lederndes Etwas, das sich festlegt. Ja, es ist angenagelt auf der Rückseite der Stuhllehne, und es trägt die Aufschrift: Bist Du arm, dann nimm; bist Du reich, dann gib! Das klingt wie Bibel, ist aber nicht Bibel. Wer glaubt, ständig im falschen Film zu sein, der ist es letztlich auch. Denn er trifft auf einen Stuhl, der nicht wirklich ein Stuhl ist, und er sitzt, wenn er dann niederkommt, auf zwei Halbsätzen: Trage mich, und ich werde auch Dich tragen! Das klingt wie Bibel, ist aber nicht Bibel. Denn zwischen den Deckeln dieses Buches sind Stühle weder aktiv noch Allegorienträger. Wo ein Stuhl ist, ist noch lange kein Weg! Punktum.
SCHLUSS Wie Sie sehen, kann ich die Geschichte kaum abschließen. Dabei ist sie simpel und farbig gestrickt. Zugegeben: das mit der Geldbörse ist heftig, und der Spruch auf der Sitzfläche: Er irritiert eher. Doch stecken nicht auch in einfachen Dingen tausend Phantasien?
Da bedarf es nur dieses einfachen Diebes, der den Stuhl kurzerhand umdreht und die Geldtasche leert.
… oder dieses Arbeitslosen, der verstohlen auf die entnommenen Geldstücke blickt, sich plötzlich beobachtet fühlt und eilig das Weite sucht.
Und wie simpel wäre es, den Stuhl als Ganzes zu entführen, ihn sorgsam zu schmirgeln und dem eigenen Hausrat zuzuschlagen?
Oh, es ist unwahrscheinlich, dass irgendwer dieses angenietete, angenagelte oder sonstwie befestigte Portemonnaie abreißt, oder gar einen zweiten gleichgearteten Stuhl daneben setzt.
Und es wäre weltfremd anzunehmen, dass ein Sünder diesen Stuhl sieht und ... an Beichte denkt.
Ein Beamter könnte näher treten, das Portemonnaie öffnen und hineinschauen. Hier werde am Fiskus vorbei gewirtschaftet, könnte er feststellen, seinen Bart aufzwirbeln und die Nummern der Geldscheine notieren.
Aber wenn es nun die Alte mit den Krücken gäbe, die, die es gerade noch bis zum Stuhl schafft? Wenn es nun die humpelnde Alte gäbe, die sich weder wundert, noch die Geldtasche antastet, die eben nur sitzen möchte? Was dann?
Was, wenn jener Literat auftauchte? Was, wenn irgendwer wirklich diese Aufschrift läse? Würde er dann den Stuhl greifen und ihn ein Stück wegsetzen? Würde er deuten wollen, was da geschrieben steht unter den Arschbacken?
Nichts da, wird der Schreiner sagen, dieser Stuhl beleidigt mein Handwerk. Braun und beschädigt steht er in der Gegend, zweckentfremdet und mit Farbe beschmiert. Mag sein, dass so ein Mann diesen Stuhl greift und in den Sperrmüll feuert.
Ein Proktologe, der hastig den Marktplatz kreuzt, wird ihn kaum beachten. Nun ja, ein Stuhl wie jeder andere, wird er denken, braun und ereignislos.
Bleibt Otto Normalverbraucher – berufstätig und mit etwas Übergewicht, bleibt der, täglich sein Bier trinkt, Stühle in Gelsenkirchener Barock mag und wenig auffällt. Bleibt Otto, der nichts weiter möchte als einkaufen – einkaufen auf diesem Markplatz.
Otto N. wird diesen Stuhl entdecken, zögernd nach seiner Geldtasche greifen und nach Centstücken suchen. Schade, wird er missmutig murmeln, nur Scheine. Die aber wird er hastig zurückstecken, sein Jackett schließen und weiter schlendern.
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