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von Simone Raillon   

Als ich sie das erste Mal sah, hatte ich sie schon liebgewonnen. Sie war etwa 8 Jahre alt, hatte zotteliges schwarzes Haar, das wohl nur selten auf Kamm und Bürste traf, und große, schwarz-funkelnde Augen. Ich war neu bei der Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder. Da ich im Nachhilfegeben Erfahrung hatte, hatte ich mich gemeldet. Aber jetzt war mir doch etwas mulmig. Etwa 15 Kinder wuselten durch den Raum, machten Lärm und unterhielten sich in mehreren Sprachen.

Nur sie saß einfach da, schaute mich an und sagte auffordernd: "Machst du mit mir?" Fragend sah ich zu Petra, der Leiterin der Flüchtlingsarbeit der Gemeinde. Sie nickte mir aufmunternd zu. Ich setzte mich zu der Kleinen. "Wie heißt du denn?" "So!" rief sie und zupfte an einem Kettchen, das sie um den Hals trug. Daran hingen vier hölzerne Buchstaben. "H-u-d-e", las ich. Sie nickte eifrig. "Okay. Was hast du denn auf?" Sie zog einen Flunsch und verkündete: "Hab' kein' Bock auf Schularbeiten. Erzähl' mir lieber was. Wer bist du?" Was für eine Frage, dachte ich lächelnd und ließ mich breitschlagen, die Hausaufgaben zunächst beiseite zu lassen. Also unterhielten wir uns.

Hude ging in die zweite Klasse und wohnte mit ihrer Familie im Asylbewerberheim an der Meyerstraße. Das war alles, was ich über sie erfuhr. Sie fragte mir allerdings Löcher in den Bauch. "Wie viel Geschwister hast du?" "Wie viele, Mehrzahl", verbesserte ich. "Also, wie viele?" "Einen Bruder." "Was, nur ein? Das ist ja gar nicht Mehrzahl! Ich habe 13 Geschwister." "Ja, klar.", sagte ich. "Wir sind aus Türkei, da haben alle viele Kinder." "Jaja. Sei ehrlich." Sie grinste mich an. "Na gut, ich hab' 4 Geschwister. Warst du schon mal in Türkei?" "Nein", sagte ich, "ist es schön da?" "Weiß nicht", murmelte Hude und schaute aus dem Fenster. Es goss in Strömen. "Ich mag Regen", sagte sie ernst, "sehr. Komm, wir gehen raus." Sie nahm meine Hand und sprang auf, aber jetzt musste ich mich durchsetzen. "Nein, das geht nicht. Wir müssen doch deine Hausaufgaben machen." Sie stöhnte. Trotzdem konnte ich sie zum Rechnen überreden. Die 8er Reihe war angesagt. Aber Hude war nicht bei der Sache. Als wir uns durch die Aufgaben gequält hatten, sagte sie: "Mama weint, weil wir zurück in Türkei müssen." Ich bekam einen riesigen Schreck, brachte kein Wort heraus. "Ich male ein Mandala für dich, ja?" schlug Hude vor und flitzte los, um Stifte zu holen.

Ich ging zu Petra hinüber und nahm sie beiseite. "Hude sagt, dass sie zurück in die Türkei müssen - stimmt das?" "Es sieht alles danach aus. Die Mutter war gestern bei mir. Diesmal scheint die Abschiebung unausweichlich." "Und was wird dann aus der Familie?" fragte ich. Petra zuckte resigniert die Schultern. Die Zeit der Hausaufgabenbetreuung war fast um.

Wir räumten auf und verabschiedeten uns. Hude schenkte mir ihr Mandala. Es enthielt nur Blau- und Grautöne. "Wie der schöne Regen", erklärte sie. "Hängst du das auf zu Hause?" "Klar", versprach ich.


 
Literaturkreis ERA e.V. 2007-2009