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Als ich sie das erste Mal sah, hatte ich sie schon liebgewonnen.
Sie war etwa 8 Jahre alt, hatte zotteliges schwarzes Haar, das wohl nur
selten auf Kamm und Bürste traf, und große, schwarz-funkelnde Augen. Ich
war neu bei der Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder. Da ich im
Nachhilfegeben Erfahrung hatte, hatte ich mich gemeldet. Aber jetzt war
mir doch etwas mulmig. Etwa 15 Kinder wuselten durch den Raum, machten
Lärm und unterhielten sich in mehreren Sprachen.
Nur sie saß einfach da, schaute mich an und sagte auffordernd:
"Machst du mit mir?" Fragend sah ich zu Petra, der Leiterin der Flüchtlingsarbeit
der Gemeinde. Sie nickte mir aufmunternd zu. Ich setzte mich zu der Kleinen.
"Wie heißt du denn?" "So!" rief sie und zupfte an einem Kettchen, das
sie um den Hals trug. Daran hingen vier hölzerne Buchstaben. "H-u-d-e",
las ich. Sie nickte eifrig. "Okay. Was hast du denn auf?" Sie zog einen
Flunsch und verkündete: "Hab' kein' Bock auf Schularbeiten. Erzähl' mir
lieber was. Wer bist du?" Was für eine Frage, dachte ich lächelnd und
ließ mich breitschlagen, die Hausaufgaben zunächst beiseite zu lassen.
Also unterhielten wir uns.
Hude ging in die zweite Klasse und wohnte mit ihrer Familie
im Asylbewerberheim an der Meyerstraße. Das war alles, was ich über sie
erfuhr. Sie fragte mir allerdings Löcher in den Bauch. "Wie viel Geschwister
hast du?" "Wie viele, Mehrzahl", verbesserte ich. "Also, wie viele?" "Einen
Bruder." "Was, nur ein? Das ist ja gar nicht Mehrzahl! Ich habe 13 Geschwister."
"Ja, klar.", sagte ich. "Wir sind aus Türkei, da haben alle viele Kinder."
"Jaja. Sei ehrlich." Sie grinste mich an. "Na gut, ich hab' 4 Geschwister.
Warst du schon mal in Türkei?" "Nein", sagte ich, "ist es schön da?" "Weiß
nicht", murmelte Hude und schaute aus dem Fenster. Es goss in Strömen.
"Ich mag Regen", sagte sie ernst, "sehr. Komm, wir gehen raus." Sie nahm
meine Hand und sprang auf, aber jetzt musste ich mich durchsetzen. "Nein,
das geht nicht. Wir müssen doch deine Hausaufgaben machen." Sie stöhnte.
Trotzdem konnte ich sie zum Rechnen überreden. Die 8er Reihe war angesagt.
Aber Hude war nicht bei der Sache. Als wir uns durch die Aufgaben gequält
hatten, sagte sie: "Mama weint, weil wir zurück in Türkei müssen." Ich
bekam einen riesigen Schreck, brachte kein Wort heraus. "Ich male ein
Mandala für dich, ja?" schlug Hude vor und flitzte los, um Stifte zu holen.
Ich ging zu Petra hinüber und nahm sie beiseite. "Hude
sagt, dass sie zurück in die Türkei müssen - stimmt das?" "Es sieht alles
danach aus. Die Mutter war gestern bei mir. Diesmal scheint die Abschiebung
unausweichlich." "Und was wird dann aus der Familie?" fragte ich. Petra
zuckte resigniert die Schultern. Die Zeit der Hausaufgabenbetreuung war
fast um.
Wir räumten auf und verabschiedeten uns. Hude schenkte
mir ihr Mandala. Es enthielt nur Blau- und Grautöne. "Wie der schöne Regen",
erklärte sie. "Hängst du das auf zu Hause?" "Klar", versprach ich.
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